
Etzenrot, auf dem an der östlichen Talseite entlangführenden Bergrücken des Albtales gelegen, ist eine der vielfältigen Rodungsinseln in diesem Bereich. Da das Tal zur Bildung und Anlage von Ortschaften seiner Enge wegen keinen Raum gewährt, mußten sich die Siedler dieses Gebietes auf den beiderseitigen Bergrücken Lebens- und Arbeitsraum schaffen und dem Tal selbst blieb zu dieser Zeit nur die bescheidende Rolle eines unbedeutenden Verkehrsweges. Wo die Alb das Gebirge verläßt, unten in Ettlingen, gab es schon vor fast 2000 Jahren eine römische Schifferstadt, wie uns der Neptunstein im Rathaus berichtet und droben bei Marxzell zog quer durch das Tal eine Römerstraße. Allmählich entstanden die Dörfer beiderseits des damals noch reicheren Gewässers. Etzenrot wird urkundlich erstmals im Jahre 1292 erwähnt, als nämlich Markgraf Friedrich II. von Baden die beiden Mühlen von Fürstenzell dem Kloster Herrenalb schenkte und das Bannrecht für verschiedene Dörfer, u.a. Etzenrot, verlieh. Damals hieß das Dorf noch "Eberzenrode", was uns im Zusammenhang mit der Nennung des Namens "Eberzo" in einer Wormser Urkunde aus dem Jahre 1241 zu dem Schluß veranlaßt, Etzenrot als die Rodung des Eberzo anzusehen. Aus den Tagen der Jungfrau von Orleans, der Erfindung der Buchdruckerkunst, der bevorstehenden Eroberung Konstantinopels durch die Türken und aus der Zeit der Großmacht Venedig ist uns eine wertvolle Urkunde erhalten geblieben. Es ist ein Kaufbrief vom 17. Januar 1444, wonach Dietrich von Gemmingen das Dorf mit allem Zubehör an den Markgrafen Jakob von Baden verkaufte. Aus einer anderen Urkunde geht hervor, daß die badischen Etzenroter mit den württembergischen Wettersbachern ihre liebe Not hatten. Jedenfalls mußte in einer Urkunde vom 08.07.1461 festgehalten werden, daß die Einwohner von Wettersbach mit ihren Schweinen zum Dorfe Etzenrot eine Zufahrt haben sollten, in der Woche einen Tag, solang es Eckerich (Eicheln) gibt. Desweiteren war hinzugefügt: "Wenn einer von Wettersbach ein Haus oder eine Scheune baut, sollen ihm die von Etzenrot zu dem Bau vier Stämme Holz geben, wie das von altersher hergekommen ist." - Womit bewiesen ist, daß Etzenrot zu jener Zeit gewisse Bedeutung und sicherlich ausreichend Wald hatte. Aus dem Zinsbuch des Amtes Ettlingen im Jahre 1533 entnehmen wir: "Min gnediger herr marggrave zu Baden hat hoch und nyder oberheit zu Etzenrod und gehöre unders staab gein Reichenbach." Damals, so hören wir weiter, hatte das Dorf auf zehn Hofstätten sieben Familien. Der 30jährige Krieg scheint auch die Albtaldörfer schwer getroffen zu haben. Etzenrot war so gut wie vom Erdboden verschwunden, die alten Geschlechter waren umgekommen und ihre Habe vernichtet. Im nahen Reichenbach sank die Bevölkerung von 45 Hofstättenbesitzern auf acht. Streitigkeiten zwischen den in Etzenrot sich langsam ansiedelnden Köhlern und Hozfällern und Reichenbach führten in jener Zeit zur Verschiebung der Gemarkungsgrenzen. Etzenrot war in frühesten Zeiten in die Ettlinger Kirche eingepfarrt. Vor der Reformation gehörte das Dorf der Mutterkirche in Grünwettersbach an und wurde nach der Reformation wieder der Pfarrei Ettlingen zugeteilt. Nach einer Aufzeichnung der speyrischen Kirchenvisitation aus dem Jahre 1683 - zu einer Zeit, als Wien durch die Türken belagert wurde - besuchten aber die 6 Etzenroter Familien die Kirche zu Stupferich. Im Jahre 1795 wurde Busenbach zur Pfarrei (mit Reichenbach und Etzenrot) und 1843 ging nach dem Bau der St. Wendelinskirche in Reichenbach de Wunsch der beiden benachbarten Gemeinden auf Bildung einer eigenen Pfarrei in Erfüllung. Die Industriealisierung und verkehrsmäßige Erschließung des Albtals Mitte des 19. Jahrhunderts ließ die Bevölkerungsziffern der Albtaldörfer anschwellen. Während das Dorf - zusammen mit dem Ortsteil Neurod - im Jahre 1810 noch 143 Einwohner hatte, waren es 1885 bereits 327 und im Jahre 1960 wurde die Tausendergrenze erreicht. Im Jahre 1927 konnte die neu erbaute Herz-Jesu-Kirche dem gewachsenen Dorf einen Teil seiner kirchlichen Selbständigkeit geben, die dann 1949 erreicht wurde, als das Dorf zur Kuratie erklärt worden war. Die Wandlung unseres Dorfes aus den geschichtlichen und wirtschaftlichen Gegebenheiten heraus erforderten ein stetes Umstellen und Umordnen. So wie aus diesem Dorf der Köhler und Waldarbeiter, der Gelegenheitsarbeiter und Händler das Dorf der "Arbeiterbauern" des 19. Jahrhunderts geworden ist, so ist die Dorfgemeinschaft und ihre Gemeindeverwaltung seit Jahren bemüht, bei aller Berücksichtigung der wirtschaftlichen Sicherung des Einzelnen in Ausbildung und Beruf, aus dem Dorf und seiner Umgebung eine Stätte der Erholung und Ruhe werden zu lassen. Nach 1960 bahnte sich in unserem Lande eine neue und vieldiskutierte Raumordnung an; die kommunalen Bereiche werden neu überdacht, Zusammenschlüsse, Neuordnungen und regionale Umgliederungen werden zu den führenden Tagesthemen. Die wirtschaftliche Situation unseres Landes läßt erkennen, daß die Zeit des Wiederaufbaues nahezu abgeschlossen ist. So konnte der letzte Bürgermeister unseres Ortes J.O. Schmieger, nach der verdienstvollen und langjährigen Aufbauarbeit seines Vorgängers, Bürgermeister und Ehrenbürger August Anderer, dem ehemaligen Köhlerdorf einen freundlichen "new look" geben, die Infrastruktur ordnen und vervollständigen. Der Lohn jahrelanger Bemühungen um die Entrümpelung des Dorfes bestand schließlich in der Vergabe des Staatspreises im Rahmen des Landeswettbewerbes "Unser Dorf soll schöner werden". In ihrer Bewertung stellte damals die Landeskommission fest: "Die ordnende Sauberkeit, das Grundprinzip einer schönen und gepflegten Gemeinde, kommt in Etzenrot besonders deutlich zum Ausdruck." Am 21. September 1968 wird, als sichtbares Zeichen der Mitarbeit an der europäischen Idee, die Partnerschaft mit der französischen Gemeinde Esternay geschlossen. Bei der Planung des großen Neubaugebietes "Im alten Feld hinterm Zaun" sollte ein aktiver Beitrag zum Umweltschutz erbracht werden. So wurde den Eigentümern der geplanten 330 Wohneinheiten zur Auflage gemacht, auf die Verwendung fester und flüssiger Brennstoffe zu verzichten und mit elektrischer Energie zu heizen. Wenige Tage vor Auflösung der Gemeinde Etzenrot, am 29. Juni 1971, wurde der letzte Bürgermeister des Ortes J.O. Schmieger, in Anbetracht seiner großen Verdienste zum Ehrenbürger ernannt. Mit Wirkung vom 1. Juli 1971 ging die Geschichte des selbständigen Dorfes zu Ende. Im Rahmen der Verwaltungs- und Gebietsreform wurde der Ort in die Nachbargemeinde Reichenbach eingemeindet und bereits ein Jahr später entstand durch Einbeziehung der Gemeinde Busenbach der Ort Waldbronn. Ein neuer geschichtlicher Abschnitt, der des Kurortes Waldbronn begann. Überall entfalteten sich bewunderswerte Aktivitäten, den jungen Kurort zu dem zu machen, was er heute ist. Dabei soll dem Ortsteil Etzenrot der ländliche Charakter weitgehend erhalten bleiben, eine Vorstellung, die auch der Hoffnung der meisten Bürger dieses reizenden Albtalfleckchens sicherlich entspricht.
Autor dieser Chronik ist der langjährige Schulleiter der
Waldschule in Etzenrot |
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